5. April 2018

Wer wird Wein-Millionär bei Aldi?

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Seit dem 15. März 2018 tummeln sich bei Aldi Nord und Süd zwei neue Weine in den Regalen. Dabei handelt es sich um eine Weiß- und eine Rotweincuvée, die mit dem Namen des Moderators Günther Jauch auf dem Etikett werben. Beide Weine werden für € 5,99 angeboten und haben in den letzten Tagen für einen riesigen Medien-Hype gesorgt. Selbst Computer-Zeitschriften befassten sich ausführlich mit diesen beiden Weinen.

Foto: Messe Düsseldorf / ctillmann
Foto: Messe Düsseldorf / ctillmann

Nahezu epische Wortgefechte werden zu diesen beiden Weinen in den sozialen Medien von Befürwortern und Gegnern ausgetragen; mit vielen Opfern und wenigen Siegern. Das liest sich zum Teil amüsant, aber viel häufiger recht befremdlich. So werden die Weine entweder über den grünen Klee gelobt oder mit Worten wie Jauch(e) massiv gebasht (verunglimpft).

Während die Befürworter der beiden Weine so weit gehen, diese zum Retter des Abendlandes bzw. der deutschen Weinlandschaft zu glorifizieren, sehen die Gegner diese eher als Vorboten aus der Hölle, die zum Niedergang der deutschen Winzer und des Weinfachhandels führen werden.

Grund genug, mal unaufgeregt die beiden Weine und das gesamte Projektausführlich zu betrachten.

Cuvee ²

Cuvée steht für das Mischen von verschiedenen Rebsorten (Weinen), von verschiedenen Anbaugebieten oder Jahrgängen. Bei beiden Jauch-Weinen wurden zwei erlaubte Mischungen angewandt, das heißt, beide bestehen aus verschiedenen Rebsorten (Weinen), die zudem aus unterschiedlichen deutschen Anbaugebieten stammen. Die Auswahl der Trauben (oder der Grundweine) für den Weiß- und Rotwein erfolgte nach verschiedenen Medienberichten - in Zusammenarbeit mit seinem Kellermeister Andreas Barth - durch Günther Jauch persönlich.

Beide erklären dazu, dass nur so eine ausreichende Menge an Wein produziert werden kann, um in allen Aldi-Filialen ausreichend Wein anbieten zu können. Dieses Vorgehen ist weder unüblich noch besonders verwerflich. Dennoch verbinden viele Weinfreunde schnell den Begriff billig mit derart zusammengestellten Weinen. Dieser Gefahr setzt sich auch Günther Jauch mit diesen beiden Weinen aus.

Wo Jauch drauf steht, ist kein echter Jauch drin

Günther Jauch ist seit 2010 Eigentümer des Weinguts von Othegraven an der Saar und er macht selbst deutlich, dass von diesem Weingut keine Weine in die Cuvées geflossen sind. Sein Weingut könne gar nicht derart viel Menge produzieren, um bei Aldi Nord und Süd langfristig die Regale zu füllen.
 
So steht folgerichtig auch nicht das Weingut von Othegraven, sondern der Abfüller GJ Wein GmbH & Co. KG, als Erzeuger auf dem Rückenetikett der beiden Weine. Dabei ist es kein großes Geheimnis, dass die Weine de facto von der größten deutschen Weinkellerei Peter Mertes abgefüllt werden.

Diese Weinkellerei wird von vielen Weinfreunden jedoch wenig charmant als Weinfabrik bezeichnet, und das ist noch eine der höflicheren Beschreibungen. Da macht sich der Name der neu gegründeten GmbH & Co KG wahrscheinlich deutlich besser.

Retter der deutschen Winzer?

Die Befürworter der beiden Jauch-Weine argumentieren, dass die anliefernden Winzer faire und existenzsichernde Preise für ihre Trauben (bzw. Weine) erzielen würden. Demgegenüber argumentieren die Gegner, dass es weitaus sinnvoller sei wäre, wenn jeder deutsche Winzer fair für seine Weine bezahlt würde, die er unter eigenem Namen in den Handel bringt. 

Aber genau da beißt sich die Maus in den Schwanz. In 2017 gaben rund 3.000 Winzer ihren Betrieb auf, da sie nicht genügend Einnahmen erzielten, um ihre Existenz zu sichern. Die Gründe dafür sind  mannigfaltig. Ein Grund ist zweifelsohne, dass die deutschen Konsumenten ihre Weine vorzugsweise in Discountern und Supermärkten zu kleinsten Preisen kaufen.

Laut der aktuellen Studie des Deutschen Weininstituts werden deutsche Weine für durchschnittlich 2,36 € pro 0,75l-Flasche im Lebensmitteleinzelhandel und für durchschnittlich 5,06 € pro 0,75l-Flasche ab Hof verkauft. Da bei Weinen, die im LEH verkauft werden, jeder einen möglichsten hohen Anteil von der Wertschöpfungskette (vom Winzer bis zum Händler) erhalten möchte, wird schnell klar, dass für den Winzer bei einem durchschnittlichen Verkaufspreis von 2,36 € nicht viel übrig bleiben kann.

Da klingt es teilweise schon wie Sarkasmus pur, wenn manche Winzer sagen, dass sie mit dem Gedanken spielen, zum Milchbauer umzusatteln, da würden sie wenigstens fair für ihre Produkte bezahlt ...

Hoher Preis

Beide Weine werden für 5,99 € pro 0,75l-Flasche verkauft. Dieser vergleichsweise hohe Preis ist aus zwei Gründen interessant. Die Kunden kaufen keine deutschen Qualitätsweine, sondern erhalten für ihr Geld lediglich Wein der untersten deutschen Qualitätsstufe Deutscher Wein (bis 2009 als Tafelwein deklariert). Zudem sind die beiden Weine mehr als doppelt so teuer wie der Durchschnittspreis (2,36 €) für deutsche Weine, die im Lebensmitteleinzelhandel verkauft werden.

Bessere Preise für alle?

Wenn den Aldi-Insidern zu glauben ist, dass die beiden Weine in vielen Filialen in kürzester Zeit vor dem Ausverkauf stehen, hat Günter Jauch aus wirtschaftlicher Sicht alles richtig gemacht. Beide Weine profitieren zweifelsohne von seinem Namen - der in einem Atemzug als wertvolle Marke bezeichnet werden kann. 

Müssten alle anderen deutschen Winzer somit nur den selben Weg beschreiten, sich mit anderen Winzern zusammentun, Cuvées im großen Mengen herstellen und diese als Marke im Markt platzieren? 

Dieser Ansatz könnte richtig sein, zumal auch andere deutsche Prominente wie Til Schweiger oder Matthias Schweighöfer erfolgreich eigene Weine verkaufen, die von ihrer persönlichen Popularität profitieren. Demgegenüber stehen Beispiele anderer Prominente, deren Weine sang- und klanglos nach kurzer Zeit wieder aus den Regalen der Händler verschwanden.  

Marketing in eigener Sache

Ich lehne mich sicher nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass Günther Jauch bei diesem Projekt auch an die Weine seines eigenen Weinguts dachte. Er konnte sich zweifelsohne sicher sein, dass seine beiden Aldi-Weine zu einem großen Medienecho führen werden. Dieses Echo würde höchstwahrscheinlich auch dazu führen, dass sich die Aufmerksamkeit auf seine eigenen Weine abfärbt.


Ein Blick in die Regale einer deutschlandweit agierenden Supermarktkette bestätigt meine Vermutung. Der Basiswein des Weinguts von Othegraven wurde nicht nur im Preis gesenkt (um mit den beiden Aldi-Weinen gleichzuziehen), er verkauft sich offensichtlich ebenfalls blendend. Und um eines hier vorwegzunehmen: dieser Basiswein erhält von vielen Weinfreunden deutlich bessere Bewertungen, als die weiße Cuvée, die bei Aldi verkauft wird.

Zerstörer der deutschen Weinkultur

Die Gegner der beiden Jauch-Weine argumentieren hingegen, dass es im Sinne einer deutschen Weinvielfalt sinnvoller wäre, wenn die Konsumenten für handwerklich gemachte Weine einzelner Winzer generell bereit wären, einen höheren Preis zu bezahlen. Sie sehen daher im Modell von Günther Jauch eher die Gefahr, dass noch mehr Winzer ihre Betriebe oder Eigenständigkeit aufgeben müssen oder werden.

Auch wenn die Kunden derzeit offenbar bereit sind, für die beiden Weine von Günther Jauch einen vergleichsweise hohen Preis zu bezahlen, wird erst die Zukunft zeigen, ob dieses von Dauer sein wird. Und auch dann bleibt es fraglich, ob die Konsumenten vermehrt bereit sein werden, auch für andere deutsche Weine höhere Preise zu zahlen. Vielmehr bleibt zu befürchten, dass das scheinbar liebste Motto der deutschen Konsumenten - Geiz ist geil - siegen wird.

Günther Jauch weiß

Diese Cuvée soll einen hohen Anteil an Rieslingtrauben enthalten (die genaue Zusammensetzung wurde bislang nicht bekannt gegeben) und mit einem vollmundigen und frischen Charakter die Kunden erfreuen. Mit seinem geringen Alkoholgehalt von 11,0 Vol.% soll er auch junge Weinkunden ansprechen, die unkomplizierten und vergleichsweise leichten Wein bevorzugen. 

Das Gourmet-Magazin fallstaff bewertet diesen Wein mit 89 von 100 Punkten. Manche Weinfreunde und Weinliebhaber geben ähnlich hohe Bewertungen. Hingegen wird der Wein von anderen Weinkritikern, in den sozialen Medien und in Weinbewertungs-Apps weniger positiv bewertet. 

Der Wein riecht und schmeckt zweifelsohne nach tropischen Früchten und grünen Äpfeln, aber besonders ausgeprägt sind die Aromen nicht. Kurzum: Ein Wein der nicht weh tut, aber auch nicht zu höherem berufen ist.

>>> Verkostungsnotizen zum Wein

Günther Jauch rot

Ähnlich hoch bewertet fallstaff den Rotwein (88/100). Allerdings können die wenigsten Weinfreunde, die diesen Wein bereits selbst verkostet haben, dieser Bewertung folgen. Stattdessen wird der eingangs erwähnte und wenig schmeichelhafte Begriff Jauch(e) für diesen Wein bemüht.

Mit Gülle würde ich den Wein zwar nicht betiteln, aber auch ich tue mich schwer, diesem Wein - positive Attribute zuzuschreiben. Das gelingt mit am ehesten noch beim Alkoholgehalt, der mit 11,5 Vol.% ebenfalls erfreulich niedrig ausfällt. Ansonsten fällt er auch für mich ganz klar hinter dem Weißwein ab. Aber wie immer gilt: Geschmack ist subjektiv und jeder sollte stets seinem eigenem Geschmack vertrauen.

>>> Verkostungsnotizen zum Wein

Fazit

Günther Jauch sagte einmal in einem Interview, dass er in erster Linie bei Weinverkostungen danach entscheidet, ob ihm ein Wein schmeckt oder nicht. Bei dieser Aussage schwillt vielen Weinliebhabern der Kamm, da sie darin eine unzulässige Beschreibung von Weinen sehen. Für sie müssen Weine vielmehr eine Vielzahl von Eigenschaften erweisen, und differenziert beschrieben werden. So bevorzugen sie blumige Worte oder stellen die aberwitzigen Vergleiche an. Dabei lassen sie außer Acht, dass sich die wenigsten Weintrinker ausführlich mit Wein auseinandersetzen. Da gilt eher das Motto Günther Jauchs: Schmeckt mir, oder schmeckt mir nicht.

Am Ende des Tages entscheiden die Kunden über den Erfolg oder Misserfolg der beiden Weine. Ob die starken Anfangsverkäufe bloß der Neugier geschuldet sind - wo Günther Jauch drauf steht, kann ja nichts Schlechtes drin sein - oder ob die Weinverkäufe langfristiger Natur sind, weil der Wein den Kunden wirklich schmeckt, wird die Zeit zeigen.





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